Cinde und Melissa: eine aus der asche geborene Freundschaft

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Am 8. Novembers 2018 war Melissa Johnson im achten Monat schwanger und gönnte es sich an diesem Morgen, auszuschlafen, während sich die Kinder für die Schule fertig machten. Sie erinnert sich daran, dass ihr Ehemann und ihre Tochter über den Himmel sprachen, der ganz orange aussah, und dass sie vermuteten, es gäbe einen Brand in der Nachbarschaft. Eine halbe Stunde später rief Melissas Tochter an: „Sie sagte, dass die Schule ausgefallen sei, und ich stand auf und sah den Himmel – es war ein richtiger Schock. Er war nämlich rot und orange und es sah aus, als würde die Welt untergehen. Und dann sah ich überall Asche.“

Melissa und ihr Ehemann Trevor hatten 14 Jahre lang in der kalifornischen Stadt Paradise gelebt, ehe sie nur eine Woche vor dem verheerenden Waldbrand, dem „Camp Fire“, in ihr neues Haus zogen. „An diesem Morgen sagte mir eine innere Stimme, dass wir alles zusammenpacken und sofort verschwinden müssten, nur zur Sicherheit.“ Neben Melissa, Trevor und ihren beiden Kindern waren das noch Trevors Vater, zwei Deutsche Doggen, ein Zwergpudel, eine Katze und ein Kaninchen. Alles wurde in zwei Autos gequetscht und Melissa fuhr los, um ihre Kinder abzuholen.

„Die Leute gerieten in Panik und fuhren wie die Wilden. Es war so, wie man es in einem Film erwarten würde. Man glaubte gar nicht, so etwas Unheimliches selbst zu erleben und zu sehen. Feuer links von dir, Feuer rechts von dir, vor dir und hinter dir. Manchmal kam es mir vor, als würde ich direkt in das Feuer fahren – und ich wusste nicht, ob ich mich für die richtige Richtung entschied. Ich weinte die ganze Zeit über.“

Die Familie schaffte es schließlich nach Chico, wo sie bei Melissas Schwester Unterschlupf fand – allerdings in einer Einzimmerwohnung, in der nun vier Familien ausharrten. „Wir waren insgesamt 15 Menschen und 18 oder 19 Tiere“, erzählt Melissa. „Meine Mutter schlief in ihrem Durango, aber die Wohnung war immer noch vollgestopft – sie war ja gerade einmal 46 Quadratmeter groß. Es war sehr ungemütlich, vor allem, weil ich ja schwanger war. Ich wusste also, dass wir uns etwas anderes überlegen mussten.“

Alles auf eine Karte
Einige Tage, nachdem das Camp Fire ausgebrochen war, saß die Unternehmerin Cinde Dolphin aus Sacramento in der Kirche und hörte dem Pastor zu, der darüber sprach, alles auf eine Karte zu setzen. „Er sprach darüber, nichts zurückzuhalten und sein Leben wertvoll zu machen, indem man etwas aus ganzem Herzen macht.“ Cinde war schon ihr ganzes Leben lang ehrenamtlich tätig und half unter anderem bei Jugendgruppen der Kirche, betreute einen Jugendlichen bei seinen Pflegeeltern und organisierte Frühstück für Obdachlose. „Als ich diese Worte hörte, dachte ich daran, dass im Butte County, das ja nur einen Steinwurf entfernt war, dieses schreckliche Feuer wütete, und ich noch nicht alles auf eine Karte setzte. Es ist zwar nett, ein paar Decken und T-Shirts zu spenden, aber wie konnte ich mich in den Wiederaufbau einbringen?“ Sie nahm Kontakt zur lokalen Feuerwehr auf, die sie auf Open Homes aufmerksam machte.

Cinde war nie zuvor Gastgeberin auf Airbnb gewesen und ist selbst Mieterin ihres Zuhauses in Sacramento, das auch ein Gästehaus für ihre Schwiegereltern umfasst. Mit der Erlaubnis ihrer Vermieter reinigte sie die Unterkunft und inserierte sie auf der Katastrophenhilfe-Seite von Open Homes. „Innerhalb einer Stunde“, erzählt Cinde, erhielt sie eine Nachricht von Melissa. „Der erste Satz war – das werde ich nie vergessen – ‚Gott segne dich‘. Und dann beschrieb [Melissa] ihre Familie, ein 11 Jahre alter Sohn, ein Ehemann, ein behinderter Schwiegervater. Sie sagte: ‚Wir sind gerade vollkommen verzweifelt, wir sind eine kleine Familie mit mehreren Hunden und wir wissen, dass das ein Problem sein könnte. Aber wenn Sie sich darauf einlassen, wären wir überglücklich, in Ihrer Unterkunft zu wohnen. Ach ja, und ich bin ziemlich schwanger.‘ Die ganze Situation traf mich mitten ins Herz – ich konnte nicht glauben, dass jemand dazu Nein sagen könnte.“

Der Moment der Wahrheit
Cinde antwortete sofort und innerhalb von 24 Stunden waren Melissa und ihre Familie in Sacramento angekommen. Da Cinde zum ersten Mal Gastgeberin war, waren ihre Gefühle gemischt. „Ich war besorgt, denn ich hatte noch nie Fremde in meinem Zuhause untergebracht. Bevor ich die Tür öffnete, dachte ich: ‚Hoffentlich tue ich da gerade das Richtige. Ich bin eine alleinstehende Frau, die hier allein in diesem Haus lebt, und vielleicht mache ich hier einen Fehler …‘ Aber als ich die Tür öffnete und [Melissa] sah, wusste ich sofort, dass ich genau das Richtige tat.“

Auch Melissa erinnert sich daran, nervös gewesen zu sein. „Man weiß nicht, in welche Situation man sich begibt, und da wir so einen großen, tragischen Schock erleben mussten, war es schwierig für uns, alles zu verarbeiten. Aber Cinde und ihr Lächeln ließen einfach in der ganzen Situation die Sonne scheinen und wir fühlten uns gleich wohl. Man konnte auf den ersten Blick sehen, dass sie eine wunderbare Person ist.“

Cinde hatte einige Vorbereitungen getroffen, damit sich die Familie wohl fühlte – saubere Handtücher, einige Heizlüfter und heiße Schokolade im Gästehaus. „Ich habe darüber nachgedacht, was wohl das Wichtigste wäre, wenn man an einen neuen Ort zieht, und sich fragt ‚Was mache ich jetzt?‘“ Die beiden Frauen hatten sich bereits Nachrichten über das Drumherum geschickt, daher wusste Melissa, was sie in der Unterkunft erwarten würde. „Cinde ließ uns wissen, dass es etwas eng werden würde – für sie war das aber kein Problem, solange es für uns auch keines war. Und natürlich schafften wir es, dass alles funktioniert. Es gab ein zusätzliches Ausziehbett, ein tolles kleines Badezimmer, das war wirklich hübsch. Es fühlte sich an wie ein zweites Zuhause.“

Über Facebook informierte Cinde ihre Freunde darüber, dass sie Gäste beherbergte, die im Waldbrand alles verloren hatten. Nachbarn kochten Abendessen und Freunde brachten Windeln, Kleidung und einen Laufstall für das Baby, das unterwegs war. Cinde erklärt: „Meine Freunde wollten einfach helfen. Ich glaube, es macht einen riesigen Unterschied, wenn man die Familie kennt, der man hilft. Die Leute möchten aus erster Hand wissen, wen sie unterstützen.“

Auch wenn Melissas Familie nur drei Nächte blieb, bis sie eine dauerhafte Wohnung gefunden hatte, war die Zeit bei Cinde eine Verschnaufpause und bot die Möglichkeit, die nächsten Schritte zu planen. „Ich dachte, sie würden in Tränen aufgelöst und sehr besorgt sein.“, sagt Cinde, „Ihre Einstellung war aber tatsächlich: ‚Danke. Wir werden wieder auf die Beine kommen und sind froh, einen Ort zu haben, wo wir das schaffen können.‘ [Es war] für sie eine Gelegenheit, den Kopf frei zu bekommen, zu realisieren, dass man es nochmal schaffen kann, wenn man es bereits einmal geschafft hat.“

Gemeinsamer Wiederaufbau
Heute lebt Melissa mit ihrer Familie in einer Wohnung in Carmichael, etwa 20 Minuten von Cinde entfernt. Die kleine Annette wurde fünf Tage nach dem Umzug geboren und Cinde und Melissa schreiben sich häufig Nachrichten, halten sich auf dem Laufenden und schicken Babyfotos. Vor Kurzem stellte Cinde Melissa in ihrem Kleinunternehmen an, um Produktschulungen vorzunehmen. So kann diese in Teilzeit arbeiten und sich zugleich um ihr Baby kümmern. Melissa betont, dass Cinde „jemand ganz Besonderes ist und einen unvergesslichen Eindruck in meinem Leben hinterlassen hat. Ich werde nie vergessen, dass sie immer freundlich und für uns da war. Sie ist auch weiterhin für uns da und bietet immer ihre Hilfe an, wenn wir sie benötigen.“

Melissa und Trevor überlegen noch, wie und wann sie ihr Zuhause in Paradise wiederaufbauen, auf lange Sicht ist das jedoch auf jeden Fall ihr Ziel. „Ich kann nicht sagen, dass der Begriff ‚Zuhause‘ für mich vor dem Feuer derselbe war wie jetzt“, sagt Melissa. „Zuhause ist für mich da, wo meine Familie ist. Man kann überall ein Zuhause schaffen.“

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